Die Nekropole von Maulbronn




Nichts trifft die Bezeichnung „Totenstadt“ genauer, als diese Nekropole, die sich inmitten einer belebten Kleinstadt erstreckt. Maulbronn ist bekannt für das besterhaltenste Kloster nördlich der Alpen, welches sogar den Rang eines Weltkulturerbes erhielt. Doch an noch gewaltigeren Bauwerken aus noch viel älterer Zeit mitten in der Stadt gehen die meisten völlig ahnungslos vorbei.








Beschreibung der Cairn-Gruppen im Stadtgebiet

Wie auf der Karte oben zu sehen ist, handelt es sich um zwei Gruppen von großen Cairns.

Die Nordgruppe wird mit römischen Ziffern von I bis III bezeichnet, die Südgruppe mit arabischen von 1 – 3. Hinter jedem Cairns erstreckt sich ein Steinbruch, der nicht mehr die ursprüngliche Ausdehnung der prähistorischen Bauzeit besitzt, sondern aus kommerziellen Gründen erweitert wurde. Ein dritter Cairn-Standort scheint mit dem historischen Ortskern von Maulbronn, dem Schafhof, identisch zu sein.

Der Schafhof, eine Ansammlung mittelalterliche Fachwerkhäuser und Gehöfte, wird im Norden und Osten von einer Felswand umgeben, die im Hintergrund der Häuser zu erkennen ist (Bild 1).





Folglich handelt es sich bei dem Areal um einen alten Steinbruch. Die Häuser stehen auf einer hohen Plattform, die im Westen und Süden von einer etwa 8 – 10 m hohen senkrechten Sandsteinmauer eingegrenzt wird (Bild 2+3+4).

Unten zu sehen die Westmauer, mit der rechtwinkligen Ecke zur Südmauer. Klar, dass es sich nicht um eine Cairn-Umfassungsmauer handelt, sondern um eine viel spätere, aus dem Zeitraum 12 - 19. Jh. stammende Stützmauer mit sorgfältig ausgearbeiteten Sandsteinblöcken.







Ein Teil der Südmauer.





Mit einer überdurchschnittlich hohen Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei der Plattform um eine Ansammlung von Cairns, die im Regelfall mit einer Seite an die hintere Felswand stoßen. Diese ausgedehnten Cairns, die teils bis zu Fußballfelder große Kuppen aufweisen, wurden wohl eingeebnet bzw. die Zwischenräume aufgefüllt, um eine einheitliche Terrasse zu erhalten, auf denen die ersten Häuser des Ortes im Mittelalter gebaut werden konnten.

Interessant hierbei ist die Überlieferung der Gründungsgeschichte. Dort wird berichtet, dass vor Errichtung des Klosters der Ort als solcher noch gar nicht existierte, sondern eine Art Räuberhöhle darstellte. Das enge Tal bot Unterschlupfmöglichkeit für Straßenräuber, welche die im Norden verlaufende Rote Kaiser-Straße verunsicherten und dort reisende Kaufleute überfielen. Gut vorstellbar ist, dass dies der Steinbruch war, in dem die Cairns der Schafhof-Gruppe lagen. Hier konnten sich die Kriminellen in den Grabkammern, evtl. auch in Grabhöhlen in der Felswand verbergen. Zwischen schützendem Buschwerk und Bäumen dürften die ersten Hütten des Diebsgesindels gestanden haben. Nach ihrer Vertreibung siedelten sich offenbar zuerst Schäfer dort an, die wohl auch die geschützte Lage des Standortes zu schätzen wussten und ihn weiter ausbauten.



Der Klostersee

Auffällig ist, dass der Klostersee unmittelbar an die nördliche Cairn-Gruppe stößt. Damit dürfte der sogenannte Tiefe See seinen Ursprung als Heiliger See der Kelten haben. Höchst seltsam mutet der ausgesprochen hohe Damm an, welcher unmittelbar hinter dem Kloster die großen Wassermassen eindämmt. Im Katastrophenfall würde das gesamt Klosterareal bis über die Dächer hinweg überspült, so hoch ragt dieser Damm auf. Die Zisterziensermönche dürften bei der Klostergründung auf einen bereits von den Römern abgelassenen Heiligen See aus keltischer Zeit gestoßen sein und den Damm für die Fischzucht neu aufgebaut haben. Ein vergleichbar hoher Damm wurde auch am Quelllauf der Weißach direkt neben der Burgstall-Nekropole von Freudenstein gebaut. Auch dort könnte jederzeit wieder ein dementsprechend „tiefer“ See aufgestaut werden. Beide Dämme müssen ihren Ursprung in keltischer Zeit haben.



Cairn I

Cairn I und II liegen unmittelbar nebeneinander (Bild 5). Ein Steinbruch erstreckt sich dazwischen im Hintergrund.





Cairn I hat Dreiecksform, ist etwa 125 m lang, rund 15 m hoch und genau West-Ost-orientiert (Bild 6).





Nach Süden sinkt seine Höhe auf Talniveau, da eine asphaltierte Straße über den Cairn hinweg vom Berg herab führt (Bild 7). Hier zu sehen die Ostseite hinter dichten Bäumen. Im Vordergrund unten zu erkennen ist die Südecke von Cairn II, wobei eine neue an eine offenbar ältere Mauer stößt, die ohne Mörtel errichtet wurde. Möglicherweise ein Rest der Originalfassade.





Wer auf dem baumbewachsenen Hang über dem Seeufer herumkraxelt, kann die Steinsetzungen überall erkennen. Offenbar wurde schon früh eine Bauwerksstufe benutzt, um vom Berg ins Tal zu gelangen. Der ursprüngliche Fußweg dürft dann im Laufe der Zeit zu einer Fahrstraße ausgebaut worden sein.



Cairn II

Dieser Cairn befindet sich unmittelbar rechts von Cairn I, hat ebenfalls Dreiecksform, eine Länge von ca. 125 m, eine Höhe von etwa 20 - 25 m und dehnt sich in Nord-Süd-Richtung aus (Bild 8).



Eine asphaltierte Straße verläuft auf seiner Ostseite, offensichtlich auf einer Stufe des Bauwerks (Bild 9). Eine weitere Stufe oberhalb deutet sich als Knick im südlichen Hang an (linkes Ende).



Cairn III

Das Bauwerk liegt jenseits der Kreisstraße nach Zaisersweiher, aber ebenfalls unmittelbar an dem großen Parkplatz am Ostufer des Klostersees, so dass es sich anbietet, hier die Exkursion zu beginnen. Dichte Bäume schirmen ihn auch in der vegetationsfreien Zeit optisch ab. Es handelt sich wohl um zwei Cairns (Bild 10), die aneinander gebaut sind, da sie verschiedene Höhen aufweisen. Eine genauere Beurteilung ist nicht möglich, weil die Rückseite beider Bauwerke zu einem großen Teil von Müllablagerungen verdeckt wird.



Auf der Rückseite dieses Cairns ist eine sehr gut erhaltene Trockenmauer aus akkurat rechteckigen Sandsteinblöcken zu besichtigen, die zum Teil eingerissen wurde. Dahinter offenbart sich der innere Aufbau des (künstlichen) Hügels (Bild 11+12).




Deutlich zu sehen sind die horizontal und ohne jeden Mörtel geschichteten Bruchsteine und Steinplatten, die im Regelfall den stabilen Baukörper eines Cairns bilden. Durch dieses Beweisstück wird also eindeutig widerlegt, dass es sich bei den von uns erforschten Hügeln lediglich um ummauerte Abraumhalden handelt, denn dann müsste ja schräg liegender, labiler Schutt zu Tage treten. Den aber finden wir nur hinter dem künstlichen Hügel aufgeschüttet, im östlichen Bereich dieses Steinbruchs als klar erkennbare Schutthalde.

Über Hohlräume und Stollen in die Bauwerke ist bis jetzt nichts bekannt. Möglicherweise könnten die jetzigen Besitzer etwas darüber berichten.


Vergleichbare Konstruktionsformen

Die dreieckige Form der Cairns I und II findet sich im Hauptmonument von Sulzfeld, der Kruschhälde wieder. Es wird vermutet, dass es sich dabei um das Grab einer bedeutenden Frau handelt, da sich dort zwei Grabzugänge orten lassen, deren Zahl im Vers Dindshenchas als Merkmal von Frauengräbern angegeben wird.


Cairn 1

Dieser Cairn befindet sich unmittelbar neben Cairn 2, direkt an der Stuttgarter Straße, der Hauptstraße der Stadt (Bild 13). Auch hier stellt sich die Frage, wie sollen jemals Schutthalden direkt an einer viel befahrenen Straße genehmigt worden sein? Das Risiko für die Allgemeinheit wäre damals wie heute viel zu groß gewesen.

Die modernere Geschichte kennt das Desaster von Aberfan, einer Bergwerksgemeinde in Südwales. Als dort 1965 eine Schutthalde nach tagelangen Regenfällen ins Rutschen kam, begrub sie noch mehrere hundert Meter entfernt eine ganze Schule bis zum Dach. 114 Kinder kamen dabei ums Leben.




Cairn 1 zeichnet sich durch eine gewaltige Höhe und einen ebenso gewaltigen Umfang aus (Bild 14). Geschätzte Höhe 20-25 m, Längsausdehnung Nord-Süd etwa 150 m, Breite ca. 100 m. Laut Dipl. Ing. Rolf Burrer, dem ehemaligen Besitzer des Steinbruchs, sollen zwei Stollen ins Innere des Hügels führen. Am westlichen Ende befindet sich eine steinerne Treppe zwischen Wohnbebauung und Cairn.



Es steht natürlich außer Frage, dass wir es bei dieser mit Mörtel gefugten Ummauerung nicht mit dem Original zu tun haben. Sichernde Eingriffe und Zubauten waren im Laufe der Zeit immer mal wieder nötig. Wohl daher speist sich die Idee, dass wir es hierbei mit einer ummauerten Abraumhalde zu tun haben sollen (Bild 15).





Auf der Straßenseite ist deutlich zu sehen, dass vor eine ältere Trockenmauer die neue, mit Mörtel gefügte angebaut wurde. Die Trockenmauer dürfte mit großer Wahrscheinlichkeit die Originalfassade des Cairns bzw. deren Rest darstellen (Bild 16).




Die Westseite von Cairn 1 musste massiv gestützt werden, als die neue Straße ins Wohngebiet gebaut wurde (Bild 17). Aus dieser Perspektive wird ersichtlich, wie hoch der Cairn auch den steilen Hang überragt. Man erkennt ebenfalls, wie stabil der Baukörper aufgebaut ist. Als die Stützmauer gebaut wurde, musste tief in die Böschung des Monuments eingegriffen werden. Hätte der Hügel aus Schutt bestanden, wären wohl große Teile dieser Seite ins Rutschen gekommen und eingestürzt. Doch nichts davon zu sehen. Den gleichen stabilisierenden Effekt hätte man wohl auch, wenn man unmittelbar an der Cheopspyramide eine Autobahn bauen und dafür Teile der Fassade einreißen müsste.





Cairn 2

Dieser annähernd rechteckige Cairn (Bild 18) erstreckt sich parallel zu Cairn 1.




Rolf Burrer berichtete uns, dass die Fahrstraße zwischen den beiden Cairns ursprünglich nicht so tief lag wie heute. Sie wurde in voller Länge heraus gebrochen. Eine ähnliche Situation findet man auch in der Felsnekropole Judenbusch/Dachsbau von Karlsruhe-Durlach. Auch dort steigen die Wege zwischen den Grabhügeln steil an, bevor man im Hintergrund der Cairns auf die Felswand stößt. Offenbar war es in Maulbronn genauso, bevor der Steinabbau an der Felswand immer weiter in die Tiefe ging und deshalb auch die Zufahrt angepasst werden musste.

Dabei wurde offenbar in die Bausubstanz von Cairn 2 eingegriffen, die jetzt an einer Stelle im Querschnitt zu erkennen ist (Bild 19). Die Mauer ist neu und wurde, wie schon gesagt, erst mit dem Bau des vertieften Fahrwegs angelegt.





Deutlich zu sehen ist. Dass zwischen die Mauern aus handlichen Bruchsteinen ein massiver Felsquader gesetzt wurde, der offenbar die Aufgabe hat, den umgebenden Mauersteinen als Verankerung zu dienen (Bild 20). Damit lässt sich die außerordentliche Stabilität dieser Bauwerke unmittelbar neben der potentiell gefährdeten Straße erklären.




Cairn 3

Dieser liegt gegenüber an der anderen Straßenseite (Bild 21). Hier zu sehen die Nordwestecke.




Die Nordostecke (Bild 22). Als die Einfahrt zum Industriesteinbruch angelegt wurde, errichtete man eine kleine Mauer aus akkurat geglättetem rotem Sandstein (vor dem Häuschen) mit repräsentativem Torpfosten, die unmittelbar an die eindeutig ältere Umfassungsmauer des Cairns stößt. Für den Bau des kleinen Pförtnerhäuschens musste ein Teil des Cairns weichen. Die Umfassungsmauer wirkt, da sie sehr gut erhalten ist, eher wie eine neuere Stützmauer. Es dürfte aber die Originalmauer sein, da sie trocken gesetzt und der älteren Umfassungsmauer von Cairn 1 gegenüber, besonders in der Art der unregelmäßigen Fugen, sehr ähnlich ist. Die Sandsteine sind sehr viel ausgebleichter, als die Sandsteine der aus dem 19. Jahrhundert stammenden Pfostenmauer, was auf ein hohes Alter schließen lässt.




An der Nordostecke tritt das Mauerwerk deutlich aus der Böschung hervor (Bild 23). Man kann in solchen Situationen nie genau abschätzen, was alles an Material von der Oberfläche weggeschafft wurde, wie tief man sich also schon in der Bausubstanz befindet. Geplündert wurden die Cairns immer wieder.




Die Ostseite von Cairn 3 (Bild 24).



Die Südostecke mit dem großen Eckstein (Bild 25).






Die Verzahnung von Eckquader und Bruchsteinen (Bild 26), deutlich zu sehen, die Schraffierungen der Felsoberfläche mit Spitzmeißel, welche offenbar mit Flachmeißel oberflächlich kaschiert wurden.




Ähnliche Verzahnungen zwischen Felsblöcken und kleineren Bruchsteinen sind auch schon aus dem Megalithikum und den frühen Hockulturen bekannt, hier zu sehen das Portal zu New Grange in Irland (Bild 27). Man vergleiche auch das Bruchsteinmauerwerk der irischen Kelten, dass doch sehr große Ähnlichkeit zu dem Maulbronner aufweist (siehe Bild 16, 22, 25).





Die gemauerte Böschung oberhalb der Südostecke von Cairn 3 (Bild 28), selten, dass man derart große Zonen der Cairnoberfläche noch erhalten und nicht von Humus und Lehm bedeckt vorfindet.












Zuletzt geändert: 23.10.2010, 18:54:46